Neue Formen der Einbindung alter Menschen in das tägliche Leben sind gefragt.

   

"Völlig neue Herangehensweise an das Thema Demenz und Behinderung"

Einen völlig neuartigen Ansatz, wie mit der Herausforderung "Behinderung und Demenz" umgegangen werden kann, hat die Diplompädagogin Heike Lubitz in einem von der Software AG – Stiftung geförderten Dissertationsprojekt an der Leibnitz Universität Hannover entwickelt. Das Innovative an der Herangehensweise ist, dass bei den ausgearbeiteten Bildungsmaßnahmen sowohl Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen als auch die Mitbewohner der an Demenz erkrankten Menschen gemeinsam und gleichberechtigt geschult werden.

Hintergrund ist ein relativ neues Forschungsfeld, das erst in den letzten Jahren verstärkt bearbeitet werden konnte. Gründe dafür sind einerseits die Auswirkungen der Euthanasie im Dritten Reich – lange Zeit fehlten schlicht die Erfahrungen mit dieser Personengruppe. Andererseits ermöglichen die Fortschritte der Medizin sowie insbesondere verbesserte Lebensbedingungen, die zu mehr Lebensqualität geführt haben, dass auch Menschen mit sehr schweren Behinderungen immer älter werden. Mit diesem Älterwerden entstehen jedoch neue Herausforderungen, die von Menschen mit Behinderung und ihrer Umgebung gemeistert werden müssen.

"Die Lebensphase Alter bei Menschen mit geistigen Behinderungen und die Auswirkungen von Demenzerkrankungen sind zwar verstärkt in den Fokus der Wissenschaft geraten, aber bisher gab es kaum Forschung, die die Positionen und Erlebnishorizonte der Personen im sozialen Umfeld der Erkrankten untersucht und konkrete Lösungsansätze entwickelt hat", erklärt Prof. Dr. Bettina Lindmeier von der Universität Hannover, die die Promotion betreut hat.

Im Rahmen des Praxisforschungsprojektes wurden daher in Zusammenarbeit mit drei Wohneinrichtungen Bildungsmaßnahmen für Mitarbeiter und Mitbewohner von Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz erarbeitet. Ziel der Maßnahmen ist es, die Lebens- und Arbeitsqualität von Beschäftigten, Mitbewohnern und demenziell erkrankten Menschen durch Wissensvermittlung sowie der Erarbeitung von Problemlösungskompetenzen im Umgang mit Demenz zu unterstützen.

"Der Einbezug aller betroffenen Personengruppen in die Bildungsangebote ist eine unbedingt notwendige Innovation, da eine Demenzerkrankung nicht nur von den Betroffenen selbst, sondern auch von den Betreuenden und vor allem auch den beteiligten Menschen im sozialen Umfeld als äußerst belastend und beanspruchend wahrgenommen werden kann", betont Lindmeier.

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass durch die Wissens- und Kompetenzvermittlung demenzbedingte Konflikte abnehmen oder seltener eskalieren und die Gesamtsituation von den Beteiligten als weniger belastend wahrgenommen wird. "Das sind sehr wichtige Effekte, weil sie zum Erhalt sozialer Strukturen führen", erläutert Heike Lubitz. Aufgrund der verminderten Eskalationsdichte werde die Lebensqualität aller deutlich verbessert und die Demenzkranken könnten länger in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Schlüssel ist demnach die duale Form der konkreten Bildungsangebote. Der Erfolg der Kurse zeigt auch, dass Menschen mit geistiger Behinderung starke Bildungsinteressen und eine hohe Motivation für Bildungsmaßnahmen zeigen und ihre Fähigkeiten, auch abstrakte Inhalte zu verstehen, noch immer unterschätzt werden. Momentan werden Multiplikatoren-Konzepte entwickelt, wie diese Erkenntnisse auch anderen Einrichtungen und Trägern zugänglich gemacht werden können.

"Das Forschungsprojekt ist vorbildlich, weil es wissenschaftlich fundiert ist und praxisorientiert an den tatsächlichen Bedürfnissen der demenziell erkrankten Menschen mit Behinderungen und ihrer Umgebung ansetzt. Gleichzeitig eignet sich das entwickelte Bildungsangebot im Sinne von Best Practice für den Transfer", hebt Prof. Dr. Dirk Randoll hervor, der das Projekt von Seiten der Software AG – Stiftung begleitet hat.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Forschungsprojektes.