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Wertvolle Impulse für ökologische Tierzucht - Forschungsprojekt zur Kuhfamilienzucht unterstützt standortgerechte Rinderherden

In der konventionellen Landwirtschaft zählt vor allem schnelle und hohe Leistung – das Wohl der Tiere bleibt dabei häufig auf der Strecke. Öko-Bauern haben andere Kriterien: Bei der Milchkuhzucht etwa setzen sie auf langlebige und robuste Tiere, die zur jeweiligen Umgebung passen. Besonders geeignet dazu ist die Kuhfamilienzucht, bei der aus hofeigenen Rinderlinien Nachkommen gezüchtet werden, die optimal an die Gegebenheiten vor Ort angepasst sind. Demeter Bayern und das Schweizer Forschungsinstitut für biologische Landwirtschaft (FibL) konnten mit Unterstützung der Software AG-Stiftung auf diesem Gebiet wertvolle Grundlagenarbeit leisten.

Ökologische Landwirtschaft ist längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen, "Bio" gibt es mittlerweile in jedem Discounter und Supermarkt. Nicht zuletzt das wachsende Bewusstsein vieler Verbraucherinnen und Verbraucher, denen das Thema Tierwohl am Herzen liegt, sorgt für eine steigende Nachfrage nach ökologisch und artgerecht produzierten Lebensmitteln. Dennoch gibt es viele Herausforderungen, um die Öko-Landwirtschaft sinnvoll weiterzuentwickeln. Eine davon liegt im Bereich der Züchtung: Der ungebrochene Trend der konventionellen Rinderzucht zu Hochleistungstieren betrifft nämlich auch Bio-Betriebe, in deren Rinderherden sich solche Rassen befinden bzw. deren Nachkommen durch künstliche Besamung von entsprechend auf Leistung gezüchteten Stieren erzeugt werden.

Standortgerechte Lösungen finden

Dabei ist es gerade in der ökologischen Landwirtschaft von höchster Bedeutung, standortgerechte Lösungen zu finden – das gilt fürs Thema Saatgut ebenso wie für die Hoftiere. Rinderrassen, die auf hohe Milcherträge hin gezüchtet wurden, haben einen entsprechend hohen Verbrauch an Futterkonzentraten. Das wird für Bio-Bauern, die weitgehend auf Kraftfutter verzichten, zum Problem. "Auch die Züchtung auf Hornlosigkeit nimmt schnell und weiter zu", erklärt Berater Martin Haugstätter – ein wichtiger Punkt insbesondere für die biologisch-dynamisch wirtschaftenden Demeter-Höfe, bei denen Kuhhörner zur wesensgemäßen Haltung dazugehören. "In der konventionellen Rinderzucht spielen außerdem die Langlebigkeit der Tiere, ihre Lebensleistung und Gesundheit kaum eine Rolle. Das passt nicht zum ganzheitlichen Konzept, das wir in der ökologischen Landwirtschaft verfolgen."

Ein möglicher Lösungsansatz liegt in der sogenannten "Kuhfamilienzucht". Bei ihr züchten die Landwirte aus hofeigenen Tieren aus guten, zum Standort passenden Kuhlinien sowohl weibliche wie männliche Nachkommen, die bei ausreichend niedrigen Inzuchtwerten für die Weiterzucht eingesetzt werden. Demeter Bayern und das Schweizer Forschungsinstitut für biologische Landwirtschaft (FibL) konnten mit Unterstützung der Software AG – Stiftung mit einem fünfjährigen Forschungsprojekt wertvolle Grundlagenarbeit auf diesem Gebiet leisten. Ein 20-seitiges Merkblatt stellt mehrere Varianten der noch wenig bekannten Zuchtmethode vor und zeigt anhand von Beratungs- und Betriebsbeispielen, worauf es bei der Umsetzung ankommt.

Flexibilität ist gefragt


Rund 15 Betriebe aus Deutschland und der Schweiz nahmen von 2010 bis 2014 an dem Projekt teil.  Forscher und Berater entwickelten gemeinsam mit den Landwirten grundlegende, an die jeweiligen Bedingungen vor Ort angepasste Systeme für die Milchrinderzucht und dokumentierten Vorgehen und Ergebnisse. Mehrere Züchtertreffen unterstützten zudem den gegenseitigen Austausch. "In den fünf Jahren stellte sich heraus, dass das Verfahren, mit Kuhfamilien und Tieren aus der eigenen Herde zu züchten, auf jedem Hof variiert werden muss", berichtet Haugstätter. "Das war durchaus eine Herausforderung, weil wir unsere Planungen immer wieder entsprechend anpassen mussten – da war eine gute Kooperation unter allen Beteiligten gefragt!" Dennoch: Die Arbeitshypothese, dass Kuhfamilienzucht in kleinbäuerlichen Betrieben realisiert werden kann, wurde eindeutig bestätigt. Auch die Rückmeldungen der teilnehmenden Landwirtinnen und Landwirte sind ausgesprochen positiv: "Nach diesen fünf Jahren unserer Zusammenarbeit haben wir die Grundlage für eine wirklich standortgerechte Weiterzucht unserer Tiere gelegt", sagt Bauer Siegfried Meyer aus Mittelfranken.

Anders als andere Tierarten gelten Rinder als relativ inzuchtresistent, die Kuhfamilienzucht ist deshalb auch in kleinen Herden von rund 25 Tieren möglich. "Dennoch war das Thema Inzucht und die Frage, wie eine zu hohe Verwandtschaft bei der Zucht mit Tieren aus der eigenen Herde in Grenzen gehalten werden kann, während des Projekts stets wichtig und präsent", berichtet Dr. Anet Spengler Neff vom FibL. Ein Vorteil der Kuhfamilienzucht besteht darin, dass bei ihr die vielfach kritisierte, auch im Bio-Bereich verbreitete künstliche Besamung der Kühe entfällt. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde auf Schweizer Bio-Betrieben untersucht, ob damit weitere positive Auswirkungen einhergehen. Die Studien ergaben, dass die natürlich befruchteten Kühe eine bessere Eutergesundheit sowie tendenziell kürzere Zwischenkalbezeiten hatten, also häufiger trächtig wurden als durch künstliche Besamung gezeugte Tiere. "Dies lässt auf eine bessere Angepasstheit der Kühe von Natursprungvätern schließen, da diese häufiger aus der Region stammen, in der sie eingesetzt werden", erläutert Spengler Neff .

"Biobetriebe brauchen Tiere, die gut zu ihrer Umgebung passen. Deshalb ist es wichtig, dass auf den Höfen sinnvolle Zuchtkriterien entwickelt und dementsprechend passende Zuchttiere ausgewählt werden", betont auch Cornelius Sträßer, Projektleiter der Software AG-Stiftung. Er hofft, dass das ausführliche Merkblatt, mit dem Grundlagen und praktische Beispiele für die Umsetzung einer hofeigenen Rinderzucht dokumentiert sind, viele weitere Landwirte dazu anregen wird, sich mit dieser Zuchtmethode auseinanderzusetzen. "Auf diese Weise könnte die von uns unterstütze Forschungsarbeit weitere Kreise ziehen und damit wertvolle Impulse für die ökologische Landwirtschaft geben – nicht zuletzt auch in Sachen Tierwohl, das ja heute gesellschaftlich breit diskutiert wird."

Link zum Merkblatt